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Office International
du Coin de Terre et des Jardins Familiaux a. s. b. l.

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Agenda 21 und Kleingärten

von Dr. sc. Achim Friedrich


Schutz und Förderung der menschlichen Gesundheit
(Kapitel 6)

Es ist anerkanntes Wissen, dass regelmäßige körperliche Belastung den der Gesundheit abträglichen Erscheinungen moderner Lebensweise entgegen wirkt.
Dazu zählt neben den Möglichkeiten einer (volks)sportlichen Betätigung auch die Gartenarbeit.
Mittelschwere einstündige Gartenarbeit entspricht einem Marsch von 30 Minuten mit einem Verbrauch von
160 - 190 Kalorien ( GUTZWILLER).

Auch BYRNE betont, "dass einfache tägliche Bewegung nachweislich dazu beiträgt, Herzkrankheiten vorzubeugen". Neben den positiven physischen Wirkungen der Gartenarbeit sind die psychischen nicht minder wichtig. Gartenarbeit als Therapie bei psychischen Erkrankungen gewinnt zunehmend an Bedeutung.

NEUBERGER führt dazu aus: " Wenn wir Gartenarbeit als Arbeit und Therapie auffassen, gehen wir davon aus, dass der Umgang mit Pflanzen und die Bewegung in der Natur dem Menschen gut tun.

Laut Allensbacher Institut geben 45 % von Befragten an, sich durch Gartenarbeit fit zu halten.

SCHMIDBAUER fasst seine Untersuchungen zum gesundheitlichen Wert von Natur und Grün so zusammen: "Naturerlebnisse können Kriminelle resozialisieren, psychisch Kranke heilen und Neurosen vorbeugen. In den Großstädten der USA wurde deshalb die Gartentherapie entwickelt."

Zweifellos ist der Kleingarten ein altersgemäßer Fitnessraum und Sonnenstudio zugleich.

Und das ist besonders deshalb wichtig, weil sich die Kleingärtner aus dem älteren und damit auch dem gesundheitlich anfälligeren Teil der Bevölkerung rekrutieren.

Ein noch anderer Aspekt der gesundheitsfördernden bzw. - erhaltenden Wirkungen soll betrachtet werden: Der Verzehr von Obst und Gemüse.

Die Agrarkrise, deren Dimension in der BSE- und MKS-Problematik überdeutlichen Ausdruck fand, hat die Verbraucher sensibilisiert. Die Erkenntnis, dass Ernteprodukte aus dem eigenen Garten frischer sind und besser schmecken wird erweitert um das Wissen gesundheitsfördernde - sofern man ökologischen Anbau betreibt - an Stelle möglicherweise gesundheitsschädigende Produkte des Marktes zu essen. Unter diesem Gesichtspunkt bleibt der Anbau von Obst und Gemüse im Kleingarten alternativlos.

Kleingärten sind somit von erheblicher Bedeutung für die Gesundheitspolitik, ein Fakt, der gegenwärtig noch nicht in gebührender Weise öffentlich wahrgenommen wird.

 

Stärkung der Rolle der Nicht - Regierungs - Organisationen (Kapitel 27)

Vereine und Verbände als eine Gemeinschaft von Personen mit gleichen Zielstellungen, Interessen und Handlungsfeldern, also auch die Kleingärtnervereine, haben die besten Voraussetzungen Agenda-Vorhaben zu erarbeiten, zu bündeln und zu realisieren. Dazu ist eine umfängliche Informations-, Werbungs- und Überzeugungsarbeit zu leisten.

Diese Arbeit wird in der Regel den Vorstandsmitgliedern vorbehalten sein. Sie sind es, die in ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit das Vereinsleben mit Inhalt füllen, und ihnen obliegt es auch, sich mit den vereinsspezifischen Aufgabenstellungen auseinanderzusetzen. Zweckmäßig ist es dabei, auf der Grundlage einer Analyse des Ist-Zustandes im Tätigkeitsbereich eine Zielstellung (ein Leitbild) mit einem dazugehörenden Aktionsplan zu erarbeiten und von der Mitgliederversammlung beschließen zu lassen. Ein solcher Beschluss ist deshalb erforderlich, weil seine Umsetzung nicht allein aus der ersten Begeisterung für etwas Neues lebt, sondern auch eine gehörige Portion von Selbstverpflichtung beinhaltet. Ist dieser Schritt getan, dann kann über vereinsinterne Arbeitsgruppen die praktische Umsetzung begonnen werden.

Der Agenda - Prozess wird erst dann erfolgreich sein, wenn er zunächst die vereinsinternen Probleme in den Mittelpunkt stellt.

In der Regel verläuft der Agenda-Prozess in 3 Stufen:
1. Maßnahmen im eigenen Garten/auf der eigenen Anbaufläche.
2. Maßnahmen im Maßstab des Vereins.
3. Maßnahmen von kommunaler Bedeutung.
Ein erster Schritt auf diesem Wege muß darin bestehen, den Respekt der Mitgliedschaft vor dem Begriff aufzulösen. Am besten gelingt das am praktischen Beispiel. Wenn Biotope wie z.B. Teiche, Totholz- und Steinhaufen, Hecken, Blumenwiese, Nistgelegenheiten aller Art, Wegebegleitgrün u.ä. als agendahafte Maßnahmen erkannt werden, dann ist bereits viel gewonnen, denn in vielen Gärten ist derartiges bereits anzutreffen.

Umfangreichere Aufgabenstellungen, die alle Vereinsmitglieder berühren, setzen eine Analyse des Ist-Zustandes voraus. Wichtige Fragestellungen sind zum Beispiel:
- Welche Wirksamkeit hat die Fachberatung?
- Wie gehen wir mit Ressourcen um (z.B. Energie, Torf)?
- Wie ist die Beschaffenheit/der Zustand der Böden?
- Wie ist der Zustand der Gewässer/des Grundwassers?
- Wie hoch ist der Grad der Bodenversiegelung?
- Wie groß sind die naturnahen Lebensräume?
- Wie hoch ist der Anteil an heimischen Bäumen und Ziersträuchern?
- Welchen Beitrag leisten unsere Gärten/Anlagen zum Biotopverbund?
- Wie ist die Kommunikation zwischen Alt und Jung?
- Welche Verkehrsmittel werden genutzt, um die Anlage zu erreichen?
- Welchen Freizeitwert hat unsere Anlage für die übrige Bevölkerung?
- Wie ist die Kommunikation zwischen dem Verein und der übrigen Bevölkerung?

Es ist offensichtlich, dass schon das Potenzial vieler Vereinsmitglieder notwendig ist, um diese Fragen zu beantworten sowie die erforderlichen Schlussfolgerungen abzuleiten und umzusetzen.

Allein auf dem Gebiet der Fachberatung zeigt sich, das ein Fachberater leicht überfordert sein kann, um bei der Komplexität des heutigen Wissens auf alle anstehenden Fragen eine befriedigende Antwort geben zu können. Es scheint zum Beispiel zweckmäßig, Spezialisten für Düngungsberatung auf der Grundlage von Bodenanalysen, für Pflanzenschutz, für standortgerechte Arten- und Sortenwahl zur Verfügung zu haben.

Es erhebt sich die Frage, ob im Interesse einer ordnungsgemäßen Kompostierung nicht ein Gemeinschaftskompostplatz angebracht ist. Oder: Ist nicht der Zeitpunkt gekommen, dem berufsfremden Kleingärtner - Neuling ein Grundwissen zu vermitteln, bevor er mit der Bewirtschaftung des Gartens beginnt? Es lassen sich zweifellos noch weitere Aspekte anfügen die eindeutig darauf hinweisen: Dem Verein wächst bei der Lösung der herangereiften Probleme zur Bewältigung der anstehenden Agenda-Aufgaben eine deutlich zunehmende Rolle zu.


Das Literaturverzeichnis kann beim Sekretariat des Office International nachgefragt werden.

 

Initiativen der Kommunen zur Unterstützung der AGENDA (Kapitel 28)

Den Kommunen kommt in der Agenda 21 eine besondere Bedeutung zu. Das Konzept „Lokale Agenda“ fordert diese auf, ihren Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung zu leisten. Damit wird das zunächst abstrakte Ziel „ Nachhaltigkeit“ auf konkrete kommunalpolitische Teilziele, Maßnahmen und Projekte gerichtet. Die Kommune bekennt sich in dieser Form zur nachhaltigen Entwicklung als zentrales Leitbild ihrer ökologischen, ökonomischen und sozialen Entwicklung.

Voraussetzung dafür ist eine breit angelegte, ergebnisorientierte Öffentlichkeitsbeteiligung (Konsultationsprozess) deren Ziel die Entwicklung, Festlegung und Umsetzung eines verbindlichen kommunalen Handlungsprogramms ist. Die Führung dieses Prozesses ist Aufgabe der Kommune.

Mittlerweile gibt es z.B. in der Bundesrepublik fast 1.700 Kommunen, die einen Beschluss zur Erstellung einer Nachhaltigkeitsstrategie vor Ort verabschiedet haben ( Nitschke).
Die Kleingärtnervereine und -verbände müssen sich in diese Prozesse einbringen. Dabei geht es darum, ihre Vorstellungen und Zielsetzungen mit anderen Initiativen aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und anderen Organisationen abzustimmen. Das wird nicht immer reibungslos erfolgen.

Im Mittelpunkt der Aktivitäten aller Beteiligten steht stets das Ziel, einen Konsens zu finden.

Die Kleingärtner dürfen sich in ihren Bemühungen und Angeboten einer Tatsache sicher sein: Es gibt kein Gebiet kommunaler Aufgaben, welches das Kleingartenwesen nicht direkt oder indirekt berührt. Berührungsängste darf es nicht geben, eher ist die Mitarbeit anzubieten, Hilfe und Unterstützung zu fordern.

Die Kleingartenanlagen werden mit den Aktivitäten ihrer Pächter schöner und attraktiver für die Kleingärtner selbst, für künftige Pächter und die Bevölkerung allgemein und zudem umwelt-dienlicher. Die Behandlung derselben als Dauerkleingartenanlage und die eventuelle Schaffung neuer liegt dann auch im Interesse städtebaulicher Planung und ist nicht mehr vielfacher Gegenstand von Überlegungen, wie man sich ihrer im inneren Stadtgebiet möglichst konfliktlos entledigen kann.

Auch die Schaffung von Kleingartenparks sollte in diesem Zusammenhang Gegenstand der Diskussion sein.

Gartenkunst und Landschaftsarchitektur könnten neue Akzente setzen, Anregung und Motivation vermitteln. Letztlich würde die Kommune für alle ihre Bürger lebens- und liebenswerter und käme dem Anliegen der sozialen Stadt ein Stück näher.

Schlussbemerkungen

Wenn für deutsche Verhältnisse festgestellt wird, dass etwa nur 13 % der Bevölkerung mit dem Wort „Nachhaltigkeit“ etwas anzufangen wissen - in anderen europäischen Ländern wird es kaum anders sein - dann wird die Größe der Aufgaben sichtbar, die auch von Kleingartenorganisationen zu leisten ist. Mancher mag angesichts der real vorhandenen Widerstände und Schwierigkeiten verzagen, verlangen doch die auf eine nachhaltige Entwicklung gerichteten Maßnahmen neben einer Bewusstseinsbildung auch die Wandlung/Aufgabe liebgewonnener Verhaltensweisen und Praktiken, auch Änderungen im Konsumverhalten. Sind deshalb Leitlinien und Zielstellungen lediglich Visionen und Träume ?

Lassen Sie mich auf diese Frage mit einem Zitat des großen deutschen Staudenzüchters und Gartenphilosophen Karl Förster antworten: „Wer Träume verwirklichen will, muß wacher sein und tiefer träumen als andere“.


Das Literaturverzeichnis kann beim Sekretariat des Office International nachgefragt werden.